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Sechs Modelle des Corporate Venture Capital – und wie man das beste für sein Unternehmen findet
News | 23.08.2021

Sechs Modelle des Corporate Venture Capital – und wie man das beste für sein Unternehmen findet

Von einzelnen Beteiligungen bis hin zu einem eigenständigen Fonds - so ermitteln Sie das richtige Modell für Ihr Unternehmen.

Corporate-Venture-Fonds haben in den letzten Jahren einen Popularitätsschub erlebt, seitdem die Erfolge der Portfolios von RBVC und BMWs iVentures mit den Investments der führenden Venture Capital Firmen mithalten kann. Corporate Venture Capital ist jedoch keine pauschale Maßnahme, die für jeden geeignet ist. Die Bandbreite reicht von punktuellen Beteiligungen aus der Unternehmensbilanz bis hin zu einem eigenständigen Corporate-Venture-Capital-Fonds, der aus der Muttergesellschaft ausgegründet wird. 

Redstone war ein Vorreiter des Modells des “Venture Capital as a Service” und bietet eine umfassende Dienstleistungspalette an, von der Gründung und dem Management eines Fonds bis hin zur Errichtung von Co-Investitionsstrukturen, in denen Unternehmen mit einem erfahrenen Venture Capital Team zusammenarbeiten.

Unternehmen entscheiden, welches Modell für ihre Zwecke am besten passt. Hier eine Checkliste zur Bewertung der verschiedenen Modelle.

 

Evergreen-Strukturen

 

  1. Einzelne Kapitalbeteiligungen

Oft der erste Schritt auf dem Weg zum Wagniskapital für Unternehmen. Dabei handelt es sich in der Regel um Minderheitsbeteiligungen an Start-ups, über die in der gleichen Weise entschieden wird, wie ein Unternehmen über eine M&A-Investition entscheiden würde. Es werden keine speziellen VC-Experten benötigt. Diese Art der Investition wird oft mit einem Inkubator oder Accelerator kombiniert.

Vorteile

  • Erster Schritt in die Welt des unternehmerischen Risikokapitals. 
  • Erhöhtes Bewusstsein für Start-ups innerhalb des Unternehmens und die Möglichkeit, sich selbst zu beteiligen. 
  • Möglichkeit der exklusive Zusammenarbeit mit dem Start-up. 
  • Möglicher erster Schritt zur Mehrheitsbeteiligung an einem Start-up.  

Nachteile

  • Dieser Ansatz ist opportunistisch und beruht nicht auf einer klaren Investment-These. Es kann daher zu einer recht zufälligen Zusammenstellung von Beteiligungen führen.  
  • Häufig erfolgt die Investition in einem frühen Stadium, was sie noch riskanter macht. 
  • Auch die begrenzte Venture Capital Erfahrung des Unternehmens kann dieses Vorgehen riskant machen. 
  • Es wird als verdeckte Fusionen und Übernahmen genutzt und führt dazu, dass die Unternehmen die falschen Investitionen tätigen. In der Tendenz meiden sie disruptive Technologien und entscheiden sich stattdessen für kleine Neuerungen in Kerngeschäfts-Nähe, die sie dann zu viel bezahlen.
  • Konzerne haben eine Vorliebe für „Kontroll-Geschäfte“. Im Grundsatz sind sie gegen den Erwerb von Minderheitsanteilen, und unerfahrene Firmen-Investoren suchen nach Vorkaufsrechten und einer großen Beteiligung (>25 %). Dies macht das Start-up für die professionellen Venture Capitals unattraktiv. Da die Investoren gleichzeitig oft dazu neigen, Risiken zu vermeiden, bauen sie kein großes Portfolio auf (VC-Investitions-Paradoxon), sondern beteiligen sich stattdessen an Start-ups, die sie für „die Goldgrube“ halten. Diese Beteiligungen werden zwar zu einem späteren Zeitpunkt und zu höheren Bewertungen erworben, aber das Risiko des Misserfolgs bleibt hoch.

Wer macht es vor?

Der Landmaschinenhersteller Claas, bekannt für seine Harvester und Traktoren, investierte in E-Farm, eine Verkaufsplattform für gebrauchte Landmaschinen. Redstone hat diesen Deal 2019 beraten (hier in der Wirtschaftswoche nachzulesen). Die Firma Claas war bereits seit längerem im Handel mit gebrauchten Maschinen der eigenen Produktpalette engagiert, so dass die Investition in diesen digitalen Marktplatz den Zugang zu besseren Strukturen und neuen Kundengruppen eröffnete. Der Digitale Marktplatz ist länderübergreifend und überregional und bietet ein umfassendes Serviceangebot von der Prüfung über die Versicherung bis zum Transport. Für Landwirte und Händler bedeutet dies die Bündelung eines zersplitterten und ineffektiven Markts sowie mehr Transparenz beim Kauf und Verkauf von Gebrauchtmaschinen. Claas war stark daran interessiert, die Weiterentwicklung aller Aspekte der Vermarktung zu unterstützen, da das Unternehmen um die enormen potenziellen Vorteile einer professionellen Handelsplattform für gebrauchte Landmaschinen wusste. 

Wer über dieses Modell nachdenkt, sollte folgende Fragen stellen: 

  • Wie würde sich eine erste, erfolglose Investition auf Ihre Organisation auswirken?
  • Wie viel Budget können Sie für Investitionen bereitstellen? 
  • Welche Art von Innovation strebt das Unternehmen an? Inkrementell? Vertikal? Radikal? 
  • Welche Rolle sollen Start-ups in Ihrer langfristigen Strategie spielen?

 

2. Mehrfache Direktinvestitionen 

Dies ist eine sehr gängige Praxis bei Unternehmen, die beschlossen haben, ihre internen Forschungs- und Entwicklungs-Bemühungen durch wiederholte, aber dennoch opportunistische Investitionen in Start-ups zu unterstützen. Dies ist in der Regel ein strukturierterer Ansatz als einzelne Direktinvestitionen, und es können einige spezielle interne oder externe Ressourcen dafür bereitgestellt werden. Die Investitionen werden meist von der F&E-Abteilung getätigt und fördern in der Regel eine inkrementelle Innovation.

Vorteile

  • Firmen erfahren durch diese Methode viel über Venture Capital Dealmaking und Zusammenarbeit.  

Nachteile

  • Einseitigkeit. Es kann einseitige Konzentration auf Neugründungen, die dem Kerngeschäft des Unternehmens nahestehen, und Vernachlässigung anderer Möglichkeiten bedeuten. Das Unternehmen kann die Chance verpassen, sich zu diversifizieren und zu verändern.
  • Es handelt sich nach wie vor meist um opportunistische Geschäfte, eine klare Investitionstheorie fehlt.
  • Keine langfristige Kapitalbindung.
  • Es ist kaum möglich, einen hochwertigen Dealflow aufzubauen, wenn Investitionen ad hoc getätigt werden.

Wer macht es vor?

2019 investierte das Immobilienunternehmen Vonovia in Roobeo, eine Handelsplattform für Baumaterialien, der integrierte Dienstleistungen für eine optimierte Beschaffung von Werkzeugen und Materialien für Renovierungen und Ausstattungen anbietet. Die Idee einer digitalen Liefer-Cloud mit einheitlichen Standards war für den Immobilienriesen äußerst relevant und vielversprechend, um seine Effizienz zu steigern. Wir von Redstone lernten Vonovia so kennen, damals als Berater der Berliner Volksbank Ventures, die sich dieser Finanzierungsrunde anschloss.

Wenn Sie dieses Modell in Betracht ziehen, fragen Sie: 

  • Haben Sie eine Investment-These definiert? 
  • Streben Sie eine langfristige Kapitalbindung an? 
  • Welches strategische Geschäftsfeld rechtfertigt mehrere Direktinvestitionen? 
  • Verfügen Sie über die internen Ressourcen für das Management mehrerer Investitionen? 
  • Woher bekommen Sie Ihren Dealflow?

 

3. Portfolio 

Ein Investment-Portfolio geht noch einen Schritt weiter als Mehrfach-Direktinvestitionen und kombiniert diese mit einer langfristigen Kapitalbindung, um auf der Grundlage einer festgelegten Investitionsstrategie jedes Jahr in 2 bis 5 Unternehmen zu investieren.  Es kann eng mit dem Kerngeschäft des Unternehmens verbunden sein, wird aber manchmal auch als separate Geschäftseinheit gegründet. Aufgrund der ehrgeizigen Ziele und Kapitalzusagen erfordert es ein qualifiziertes internes Team oder externe Ressourcen für das Management.  

Vorteile 

  • Langfristige Kapitalverwendung und klare strategische und finanzielle Ziele.
  • Ein engagiertes internes/externes Team ist vorhanden.
  • Der Ruf und die Marke des Unternehmens als professioneller CVC-Investor wird gestärkt. 
  • Bei Bedarf können Investitionen zurückgefahren werden.  
  • Klar definierte Governance-Struktur und Investitionsprozess.

Nachteile

  • Die Evergreen-Struktur kann bedeuten, dass den Fondsmanagern nicht die gleichen attraktiven Anreize geboten werden wie bei einer Venture-Capital-Firma.  
  • Dies kann es schwierig machen, professionelle Venture-Capital-Experten zu gewinnen. 
  • Das Team hat möglicherweise Schwierigkeiten, an hochwertige Deals heranzukommen.

Wer macht es vor? 

  • Berliner Volksbank Ventures. Mit mehr als 18 Millionen Kunden ist die Volksbanken-Gruppe Marktführer im KMU-Banking. Im Jahr 2015 begann die Bank mit dem Aufbau eines Investment-Portfolios, das sich auf FinTech, PropTech und weitere für kleine und mittlere Unternehmen relevante digitale Entwicklungen konzentriert. Mit Redstone als Venture-Capital-Experten und Partner des Vertrauens hat die Bank an der Seite von globalen Top-Investoren wie Insight Ventures, e.ventures und Partech in ein Portfolio von 12 Start-ups investiert.
  • Der Roche Venture Fund verfügt über ein umfangreiches Portfolio von Früh- und Spätphaseninvestments in Start-ups im Bereich Health Technology. Einige dieser Unternehmen wurden später vollständig von Roche übernommen. 

Wenn Sie dieses Modell in Betracht ziehen, fragen Sie:  

  • Wie wichtig ist finanzielle Rendite für Ihr Portfolio? 
  • Wie können Sie externe Venture-Capital-Experten einstellen? 
  • Wie werden Sie einen globalen, hochwertigen Outbound-Dealflow generieren? 
  • Können Sie 10-12 Investment Memos (interne Dokumente, in denen Sie darlegen, warum Sie in ein bestimmtes Unternehmen investiert haben oder nicht) pro Jahr erstellen? 
  • Wie strukturieren und verwalten Sie das Portfolio konkret? 
  • Kann das Unternehmen ein langfristiges Commitment für das Portfolio eingehen?

 

Geschlossene Fonds-Strukturen 

4. LP-Investition 

Unternehmen können als LPs in unabhängige Venture-Capital-Fonds einsteigen. Dadurch erhalten sie Zugang zum digitalen Ökosystem und zu Startup-Deals.

Vorteile 

  • Einfacher und schneller Zugang zum digitalen Ökosystem und Dealflow.
  • Die Venture Capital-Gesellschaft übernimmt die Hauptarbeit, wodurch Kosten und Risiken des Aufbaus eines eigenen Teams reduziert werden.
  • Die Chance, auch abseits des eigenen Kerngeschäfts zu investieren.

Nachteile

  • Kein Einfluss auf die Investitionsentscheidung des Fonds.
  • Zugang nur zu recyceltem Deal Flow.
  • Interessenkonflikte zwischen Unternehmen und den Komplementären des Fonds sind möglich. 
  • Verwaltungsgebühren für den Risikofonds können hoch sein.  
  • Kapitalbindung für bis zu 10 Jahre.
  • Die Möglichkeiten, etwas über das Venture-Capital-Investment oder das Ökosystem der Start-ups zu erfahren, sind begrenzt.  

Wer macht es vor?

Fragen Sie: 

  • Wird eine LP-Investition Ihre strategischen Ziele erfüllen? 
  • Wie stark wollen Sie in die Entscheidungsfindung einbezogen werden? 
  • Welche Themen, Sektoren oder Regionen rechtfertigen LP-Investitionen? 
  • Gibt es Trends, die Sie nicht verpassen wollen, bei denen Sie sich aber nicht sicher sind?

 

5. Corporate-Venture-Capital-Fonds 

Ein unternehmenseigener Venture-Capital-Fonds mit unabhängigen, professionellen Fondsstrukturen und einem eigenständigen Investitionsausschuss. Geschäftseinheiten haben kein Vetorecht bei den Investmententscheidungen.   

Vorteile 

  • Effiziente Kapitalverteilung und professionelle Führung
  • Das Team kann freier in neue Geschäftsmodelle investieren, die das Kerngeschäft stören könnten. Es kann ein Schritt zur Neuausrichtung des Unternehmens sein. 
  • Das Unternehmen kann durch die Zusammenarbeit mit den Start-ups im Portfolio eine zusätzliche Rendite erzielen. 
  • Der Schwerpunkt liegt auf der finanziellen Rendite.

Nachteile

  • Fremdbezogene Investitionen haben weniger Potenzial, das Firmengeschäft zu verändern.  
  • Begrenzte Möglichkeiten für Fusionen und Übernahmen. Portfolio-Unternehmen werden im Allgemeinen nicht erworben.  
  • Möglicherweise gibt es Interessenkonflikte zwischen dem Unternehmen und dem unabhängigen Fondsmanager. 
  • Die Aufstellung des Teams, Anwerbung von Fachkräften und Vernetzung mit dem digitalen Ökosystem kann einige Zeit dauern. 
  • Der Aufbau eines angemessenen Dealflows wird Zeit kosten. 
  • Eine nachhaltige Investment-These ist unerlässlich. 
  • Das Hauptaugenmerk liegt auf der finanziellen Rendite, und es lässt sich leicht feststellen, wenn die Strategie nicht aufgeht.  

Wer macht es vor? 

  • MA.Ventures, der Venture-Capital-Fonds der Schweizer Supermarkt-Genossenschaft Migros Aare. Schwerpunkte des Fonds sind Innovationen für den Einzelhandel, Last-Mile-Logistik sowie Technologien für die Bereiche Proptech und Gesundheit. Das von Redstone gesourcte, verwaltete und beratene Portfolio soll die digitale Transformation des Lebensmittelhändlers aktiv vorantreiben, ihn zukunftsfähiger machen und Prozesse auf allen Ebenen verbessern.
  • Swiss Health Ventures, der Venture-Arm der Schweizer Krankenkasse CSS, ist ein Fonds, der in enger Zusammenarbeit mit Redstone aufgelegt wurde und geführt wird, um die digitale Gesundheit zu beschleunigen. Der Investitionsschwerpunkt liegt auf der Gesundheit, von der Vorbeugung bis zur Genesung, der fachärztlichen Versorgung und der Telemedizin, der Frühdiagnostik und den digitalen Hilfsmitteln für den Umgang mit chronischen Krankheiten. 
  • M Ventures – die Venture Capital-Organisation von Merck hat in ein breites Spektrum von Start-ups investiert, von Akili, einer auf Videospielen basierenden medizinischen Therapie, bis hin zu Simulate, dem Erfinder von veganen Hähnchen-Nugget-Alternativen.

Fragen Sie: 

  • Wie wichtig sind die finanziellen Erträge? 
  • Könnte die Corporate Venture Capital Einheit ein unabhängiges Branding bekommen? 
  • Sind Sie bereit, Mittel für einen langfristigen Fonds (mindestens 10 Jahre) zur Verfügung zu stellen? 

6. Co-GP-Fonds 

Hierbei handelt es sich um eine Struktur, bei der ein externer Venture-Capital-Partner eng mit dem Unternehmen zusammenarbeitet und von dessen internem Fachwissen profitiert.

Vorteile

  • Der Venture-Capital-Investor bringt eine gute Erfolgsbilanz und Know-how mit, um das Risiko des Misserfolges zu mindern.  
  • Der Venture Capital-Investor bietet als unabhängiger professioneller Investmentmanager die notwendige Neutralität, um die Interessen mehrerer LP-Investoren des Unternehmens zu verwalten.
  • Das Unternehmen hat als GP starken Einfluss auf den Investitionsschwerpunkt des Fonds.
  • Die LPs der Unternehmen profitieren von den Daten und dem Dienstleistungsangebot der professionellen Venture Capital-Investmentmanager.
  • Beide Seiten beteiligen sich aktiv an der Entscheidungsfindung durch die Teilnahme am Investitionskomitee. 
  • Das Unternehmen kann sein Branchen-Know-how einbringen.
  • Sie können eine klare Investmentthese definieren und haben einen datengetriebenen, fundierten Entscheidungsprozess 
  • Möglichkeit, die Managementgebühren (mit anderen/externen LPs) zu teilen.
  • Sie können Risiken teilen und größere Scheine zeichnen.
  • Das Unternehmen kann von der Kompetenz der externen Partner lernen.
  • Unternehmen können Start-ups bei der Skalierung unterstützen.

Nachteile

  • Sie müssen mit einem externen Partner zusammenarbeiten. 

Wer macht es vor? 

  • Future Industry Ventures – ein gemeinsamer Fonds des Venture-Capital-Experten Redstone und der SBI Holdings, dem Japanischen Finanzkonzern und weltweit führenden Investmenthaus mit einzigartiger Expertise, spezialisiert auf digitale und innovative Investitionsbereiche. Die Mission des Fonds ist es, Kapital für Hightech-Unternehmen im Bereich der Industrie 4.0-Technologie bereitzustellen und die Zukunft der Produktion zu beschleunigen. 
  • R Ventures  

Fragen Sie: 

Ist das Unternehmen bereit, langfristig mit einem qualifizierten Partner zusammenzuarbeiten?

 

Zum Schluss…

Wir hoffen, dieser Artikel hat Ihnen geholfen. Wenn Sie Innovationsmanager sind oder sich für das Thema interessieren, freuen wir uns, wenn Sie sich mit uns in Verbindung setzen!

Dieser Artikel wurde von Finanzjournalistin Maija Palmer und Redstone-Partner Marcus Schroeder gemeinschaftlich erstellt und erschien erstmals in englischer Sprache bei Sifted.eu.

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